Flucht, Angst und Hoffnung: ein Schicksal aus dem Krieg
Flucht, Angst und Hoffnung: ein Schicksal aus dem Krieg

Flucht, Angst und Hoffnung: ein Schicksal aus dem Krieg

Vor vier Jahren, am 24. Februar 2022, begann der Angriff Russlands auf die Ukraine. Seitdem hat der Krieg Millionen Menschen aus ihrem Alltag gerissen, Städte zerstört und zahlreiche Menschenleben gefordert. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Beginn des Krieges zehntausende Zivilisten verletzt oder getötet, während Millionen Menschen ihre Heimat verlassen mussten.

Doch viel zu selten werden die zahlreichen Schicksale hinter diesen Zahlen, von den Menschen, deren Leben sich von einem auf den anderen Moment verändert haben, erwähnt.

Eine dieser Geschichten stammt von Lisa, die ich während eines vorübergehenden Aufenthalts in Deutschland persönlich kennenlernen durfte. In dieser Zeit berichtete sie von ihren Erfahrungen zu Beginn des Krieges in der Ukraine. Ihre Erinnerungen geben einen Einblick aus der Perspektive einer damals 16 Jährigen.

Am Abend vor dem Angriff hatte Lisa noch ganz normal für einen Test in der Schule gelernt. Früh am nächsten Morgen wurde sie von ihrer Mutter geweckt. Draußen waren plötzlich laute Explosionen, heulende Sirenen und immer wieder dumpfe Knalle zu hören. Während sie versuchte zu verstehen, was gerade geschah, suchte sie verzweifelt nach ihrer Katze im Apartment. Sie hatte große Angst und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, während sie und ihre Mutter hastig einige Sachen zusammenpackten und zu einem Bunker in der Nähe ihres Hauses liefen. Ihr Vater blieb zurück. Zusammen mit seinen Freunden zog er direkt in den Krieg. Der Bunker war kalt, feucht und überfüllt. Boden und Wände bestanden aus Beton. Überall waren ältere Menschen, Frauen und Kinder, viele von ihnen weinten. Die Stimmung war laut, angespannt und voller Angst. Manchmal schlichen sie sich nachts aus dem Bunker, um in Geschäften nach Essen zu suchen, doch die Regale waren größtenteils leer. Sie aßen das Wenige, das ihnen von ihren Vorräten geblieben war. Gelegentlich gingen sie nachts kurz zurück in ihre Wohnung, um sich aufzuwärmen oder etwas zu schlafen, und kehrten danach wieder in den Bunker zurück. Dabei mussten sie sehr vorsichtig sein. Wenn Militärfahrzeuge oder Soldaten vorbeifuhren, versteckten sie sich hinter parkenden Autos, Mauern oder Bäumen, um nicht entdeckt zu werden. Einmal gingen sie nur kurz hinaus, um frische Luft zu schnappen. Als plötzlich Panzer vorbeifuhren, rannten sie sofort zurück in den Bunker. Besonders in Erinnerung blieb ihr eine Nacht, in der ein Mann versuchte, in den Bunker einzudringen und die Menschen dort mit einem Maschinengewehr zu beschießen. Der Mann, der den Bunker verwaltete, stellte sich in den Eingang und blockierte die Türen mit seinem Körper, um die Frauen und Kinder zu schützen. Immer wieder mussten sie zudem den Raketen lauschen, die über ihnen hinwegflogen. Lisa und ihre Mutter verbrachten dort schließlich fast zwei Wochen, bis ihr Vater zu ihnen kam. Er sagte ihnen, dass sie schnell ihre Sachen packen müssten, weil ein Evakuierungszug bereitstehe. Lisa, ihre Mutter und ihre Großmutter sollten das Land verlassen. Der Abschied fiel ihnen schwer. Sie wollten ihn nicht zurücklassen, doch er sagte, dass es so sein müsse. Er brachte sie zum Bahnhof, dort verabschiedeten sie sich, und er kehrte anschließend in den Krieg zurück. Zunächst flohen sie nach Polen, wie viele andere Menschen aus der Ukraine. Dort blieben sie eine Zeit lang, doch die Situation war schwierig. Mit ihren weiteren drei Hunden und einer Katze schliefen sie mit zahlreichen weiteren Flüchtlingen in einem riesigen Zelt in aneinandergereihten Metallbetten. Überall, wohin sie blickte, sah sie weinende und verzweifelte Gesichter. Später führte ihr Weg weiter nach Deutschland, wo sie schließlich von einer Frau aufgenommen wurden und ein Haus fanden, in dem sie einige Zeit lebten. Einige Wochen später entschied sich die Familie jedoch, trotz der Gefahr, wieder zurück in ihre Heimat zu gehen, um näher bei ihrem Vater zu sein. Sie hörten wenig von ihm und mussten unter ständiger Angst leben, denn ihr Vater war zu dieser Zeit in Butscha, einer sehr gefährlichen Region, stationiert. Der Alltag nach der Rückkehr war jedoch nicht mehr derselbe wie vor dem Krieg, und auch die Menschen hatten sich verändert. Wo einst Häuser standen, stehen jetzt Ruinen und verbrannte Autos. In der Stadt ist nichts als Beschuss, Militärpersonal oder Zäune. Auch der psychische Zustand der Menschen hat sich dramatisch verändert. Viele halten diese ständig anhaltende Last psychisch nicht mehr aus. Erst vor kurzem gab es einen Angriff auf die Energieversorgung der Hauptstadt Kiew, in der sie lebt. Nun sitzen sie oft für lange Zeit ohne Elektrizität, Wasser oder Heizung in ihrer kalten und düsteren Wohnung. Der Tag, an dem der Krieg begann, hat Lisas Leben dauerhaft verändert. Viele Menschen aus ihrem früheren Umfeld wird sie vermutlich nie wiedersehen. Einige sind geflohen, andere leben heute in verschiedenen Ländern. Und manche sind im Krieg gestorben. Darunter auch eine sehr gute Freundin von ihr, die bei einem Angriff ums Leben kam. Der Krieg blieb und bleibt leider ein ständiger Teil ihres Lebens. Weiterhin prägen Luftalarm, zerstörte Häuser und Unsicherheit den Alltag vieler Menschen in der Ukraine. Lisa bittet darum, den Glauben an die Ukraine nicht zu verlieren und die Menschen wenigstens mit Worten zu unterstützen. Sie ist für all die Hilfe die sie und ihre Familie bekommen hat sehr dankbar und hofft dass der Krieg bald endet.

Titelbild und weitere Bilder: Alinas Freundin (der Name liegt der Redaktion vor, soll hier also nicht veröffentlicht werden)